JANN WILKEN ++49 173 780 8104 wilkenfoto@web.de 20359 HAMBURG IMPRINT|DS

Eine Dokumentation über die Transformation eines Areals in Berlin-Kreuzberg.
Buchprojekt im Prozess (Abbildungen oben und unten: Design & Mockup by Laura Klimmeck)
Auftraggeber: Klinkenberg-Architekten | Berlin

Die SPREEFABRIK befand sich in der Nähe des Schlesischen Tors direkt an der Spree. Ab der Nachkriegszeit bis Ende 2024 wurde hier Kunststoff verarbeitet.
Die Fotos richten ihren Blick auf die Arbeit sowie auf die sozialen Gefüge der Arbeitenden in einem Wohngebiet neben einer berühmten Ausgehmeile direkt an der einstigen innerdeutschen Grenze.
(In der Desktop-Version: ein ausführlicher Text unterhalb der Bilder)














Dieter, 57, dreht die Zigaretten, die er bis Schichtende noch zu rauchen plant. Dafür nutzt er eine kleine Hand-Drehmaschine, inspiziert nach jeder fertigen Drehung das Ergebnis - und legt sie, die Zigarette, in Reihe zu den anderen. Nebeneinander. Da ist nichts schief, nichts Egales im Ensemble.
Als ich mich im Juli und August 2024 die ersten Male mit meiner Kamera über das Areal der Firma Brose manövrierte, war ich noch allein. Mit dem Hof, den Hallen, mit den Maschinen. Der Abwesenheit von Menschen (es war Wochenende) war eine Prise Anwesenheit beigemischt - es roch nach chemischer Verbindung und klang nach vergessener Luftdruckdüse (“muss so“, erfuhr ich später). Die Hallen
spielten ihren Wissensvorsprung in Sachen Plexiglas, Verarbeitung, Architektur und Geschichte gegen
mich aus. Und sie wussten, zeugten und zeigten von Dieter, Ramazan, Kinkani und den anderen. Aber
sie, die Hallen, Werke und Stätten, ließen mich erst einmal machen. Und finden.
Zuerst fand ich es richtig, langsam zu arbeiten. Das entspricht nicht meiner Natur. Trotzdem erst einmal gucken und wirken lassen. Meine Erfahrung sagt, dass die Dinge oder Konstellationen dann oft von sich
aus ein Gespräch beginnen. So zum Beispiel: Da stand ein Tisch, darauf ein alter Lappen. Dahinter an der Wand lehnte eine runde Scheibe aus Kunststoff. Dieses Dreier-Ensemble verschiedener Gattungen verhielt sich als Gruppe, ästhetish betrachtet, keineswegs mundfaul. Es war dort irgendwann abgestellt, hergerollt, hingelegt worden. Würde ich nun, es guckte ja niemand, das Ensemble nach eigenen Ideen neu drappieren: die Drei hätten geschwiegen. Ganz plötzlich. Kein Ton mehr. Alles um mich herum war wie ein Biotop - ein kleiner Eingriff hätte gewaltig was ruiniert. Also: Finger weg. Warum das so ist? Ich mag es, das nie zu erfahren. Ein Gefühl.
Wir sind im Altbau, zweiter Stock. Weg vom benannten Ensemble durch eine Tür, die beim Öffnen eine überraschende Geräuschlosigkeit verursacht. Jetzt, im dunklen Flur, verschafft sie Gehör für meine Schritte. Die hören sich an, als würden sie über den Betonboden rutschen, obwohl ich normalen Fußes gehe. Dann rüber in einen helleren Raum, es knarzt, es riecht nach Späne. Zwar scheint die Sonne auf der anderen
Seite des Hauses - aber ein Strahl schafft es über Umwege in den Hinterhof, kommt durchs Fenster und plumpst unter den Augen einer Luftdruckdüse auf einen Sessel. Und auf die Sitzfläche dieses Sessels hat irgendwann mal jemand „Steffen“ geschrieben
An manchen Samstagen stand Steffen allein in der großen Werkshalle und spielte auf seinem Saxophon Lieder von John Coltrane. Die Halle längs der Spree lag einst direkt an der Grenze zur DDR. Nun bildet die Spree dort auch eine Grenze - zwischen Steffen, der sich gerade eine Zigarette dreht und der Media-Spree, dort drüben, am Friedrichshainer Ufer.
Mich entzückt, wie -normal- alle Arbeitenden in der Köpenicker Straße 7a die Gegend leben, in welcher sie arbeiten. Die Musizierenden gegenüber an der East-Side-Gallery können covern, wen und wie laut sie wollen - Steffen, Siggi, Bülent und die anderen füttern lieber „ihre“ Entenfamilie, die unterm Fenster auf der Spree paddelt. Sie zeigen mir eine Gewehrkugel, die aus Zeiten der DDR noch unter dem Putz in einer Wand steckt. Oder beschreiben, wie schön und praktisch das Leben in Tegel ist.
Am 4. Januar 1989 lief der 25jährige Tischler Siegfried aus dem oberschlesischen Oppeln die kaum von Autos befahrene Köpenicker entlang. Er bog ab in die 7a, vorbei am schwarzen 7er BMW des damaligen Chefs der Firma, dann hoch ins Büro zum Vorstellungsgespräch. „Kannst du das?“ Fragte Herr Holzhäuer und fuhr fort, ohne eine Antwort abzuwarten: „Wenn es Dir gefällt, kannst du bleiben, sonst kannst du gehen“. Gehen tat nur das „fried“ und so treffe ich Siggi im November 2024 in seiner Werkstatt. Vor ihm auf den Tischen liegen 90 auf Sockeln gefertigte Kunststoffrohre, deren akkurate Anordnung an jene der Selbstgedrehten von Dieter erinnert - nur: diese hier sind für die Frischluftzufuhr gedacht. Frische Luft in Bustoiletten.
Mit der Luft hier im Betrieb ist es so eine Sache. Bülent erzählt: „Viele Kollegen haben es nach Eintritt in die Rente bis Anfang 70 geschafft, dann war Schluss“. Er wolle vor allem gesund bleiben, wenn die Firma Ende November ihre Produktion einstelle und er in Rente gehe. Plexiglas sei sein Metier gewesen, teilweise mundgeblasen, da könne ihm keiner was vormachen. Eine runde Schale steht im Raum, größer im Durchmesser als er selbst hoch ist. Die war für Erdbeerbowle gedacht. Und eine Frau sollte darin Platz finden. Ich fand es gut, das so stehen zu lassen, zumal Bülent nun das tat, was alle, die schon lange hier waren, gerne taten: Er sprach über die Wende. Über die Zeit davor und die danach. So familiär es hier
auch zuginge - vor der Wende seien viel mehr Feierabende miteinander verbracht worden, das hätte Ende ´89 aufgehört. „Und dann kam der Hass“. Zur Zeit der Progrome Anfang der 90er Jahre sei dieser Ort der Firma Brose für ihn auch ein sicherer Ort gewesen.
Mir scheint, dass die K´7a für alle, die ich traf, ein sicherer Ort war. Kam Lutz Barth, der letzte Chef der
Firma Brose, in die Werkstatt, änderte sich: nichts. Außer eben, dass sich nun auch Lutz Barth in der Werkstatt befand.
Seitdem die Arbeitenden da sind, hat sich die Dynamik meiner Bewegung über das Grundstück und durch die Stätten verändert. Wenn ich von Siggi und Bülent im Flachbau an der Brandschutzmauer rüber in eine der Hallen wechsle, stolpere ich an einem Stapel Europaletten vorbei, der sich bei jedem Gang über den
Hof an einer anderen Mauer türmt. So scheint´s mir zumindest. Die neue Umtriebigkei hat neue Fragen,
lässt anders gucken - und führt in die lange Halle, so lang, dass sie aussieht wie ein riesengroßer aus-gestreckter Wurm. Der freut sich über den tanzenden Ramazan.
Jener kneift sein linkes Auge zu - visiert den Kunststoff in einer Maschine, Knopfdruck, Schnitt. Und bevor ich „fertig“ auch nur denken kann, hat er sich aus seiner Wirbelsäule schonenden Körperhaltung befreit, macht einen Satz um die Maschine herum, reibt dabei die Hände aneinander um sie vom Schnittstaub zu befreien, läuft in Richtung großer Halle, drückt auf dem Weg noch flugs auf einen Knopf, merkt, dass ich ihm folge
und hält die Plastikstreben, die von der Decke hängen und den Übergang in den nächsten Raum bedeuten, auf, damit ich mit ihm hindurchschlüpfen kann.
Heute, im Juli 2025, schreibe ich diesen Text. Beim Durchsehen meiner Notizen fällt mir auf, wie verstrickt und gleichzeitig unverheddert das soziale Gefüge in der Spreefabrik war. Ich könnte noch von Kinkani an der Fräse berichten oder von Frau Wilke vorn am Empfang, die zur Zeit meiner Besuche die letzten Aufträge für die Firma Brose entgegennahm. Aber vielleicht sind wir ja auch genug getaucht. Und worauf ich letztendlich hinaus will, beschreiben andere viel besser, als ich das jemals könnte:
Steffen hat mir einmal von einer Künstlerin erzählt, die einen sehr großen, durchsichtigen Kasten in Auftrag gegeben hatte:
„Kunst ist ja nicht so mein Ding. Aber ich fragte sie, wofür der Kasten sei. Dann zeigte sie mir eine Spinne, die war so klein wie ein Stecknadelkopf. Die sollte in dem Kasten wohnen. Und nach ganz kurzer Zeit war der komplette Kasten gefüllt mit einer Konstruktion hauchdünner Fäden. Von jedem Winkel rüber in jede Ecke.“
Jann Wilken
keine KI

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